Es gibt Momente, da sitze ich auf meiner Terrasse, mit einer dampfenden Tasse Kaffee und dem friedlichen Wissen: Niemand wird heute von mir verlangen, ein «kurzes Update» zu geben. Niemand fragt mich, wie mein Wochenende war – und selbst wenn, ich muss es nicht in drei Buzzwords verpacken. Und genau dann ruft Max an.
Max, mein Freund. Der letzte seiner Art. Ein Held mit Hemdkragen und Homeoffice-Abo, der jeden Tag versucht, im bürokratischen Dschungel zu überleben, während ihm Excel-Tabellen, Outlook-Termine und passive-aggressive Kollegen die Pfeile in den Rücken jagen.
«Wie geht’s dir, Max?» frage ich, wohlwissend, dass ich gleich in einen verbalen Schützengraben gezogen werde.
Er seufzt:
«Ich wurde heute schon dreimal in Smalltalk verwickelt. Ich bin durchgeschwitzt wie nach einem Marathon – und das nur, weil ich zur Kaffeemaschine wollte.»
Der Tag begann, wie Max’ Tage eben beginnen: mit einem verzweifelten Versuch, sich unauffällig an Sabine vorbeizuschleichen.
Sabine – die Königin der Zwischenfragen. Ihre Spezialität: unschuldig klingende Sätze, hinter denen psychologisches Sperrfeuer lauert.
«Guten Morgen, Max. Auch schon im Büro?»
Was Max sagen will: «Nein, ich bin mein eigener digitaler Zwilling, der per Bluetooth gesteuert wird.»
Was Max tatsächlich sagt: «Guten Morgen.»
Dann folgt die alles entscheidende Frage – der Flächenbrand unter den Gesprächseröffnungen:
«Und, wie war dein Wochenende?»
Max überlegt kurz. Soll er die Wahrheit sagen? Dass er 12 Stunden Netflix geschaut, ein mittelmässiges Tiefkühlgericht gegessen und drei Stunden lang erfolglos versucht hat, seine Steuererklärung zu ignorieren?
Natürlich nicht.
Stattdessen antwortet er artig: «War ganz entspannt, danke.»
Ein fataler Fehler.
Sabine interpretiert das als Einladung zu einem 10-minütigen Vortrag über ihren Ausflug an den Walensee, inklusive Bilderstrecke auf dem Handy, ausufernder Details zu einer veganen Linsensuppe und einem dramatischen Bericht über einen angeblichen Zeckenbiss bei ihrem Mann.
Max hört nicht mehr zu. Er starrt in die Kaffeetasse wie ein Seher ins Orakel und fragt sich, ob ein Jobwechsel in die Arktis nicht doch eine Option wäre.
Doch der Bürotag ist noch jung. Um 08:57 Uhr – Max hat sich gerade auf seinen Stuhl zurückfallen lassen wie ein Mann, der überlebt hat – tritt Markus aus dem Vertrieb auf den Plan.
Markus – Typ Duz-Kultur mit Anzug. Er trägt Loafer ohne Socken und ein Dauergrinsen, das stark nach Selbstoptimierung riecht.
«Na Max, schon im Feierabend-Modus?»
Max lächelt gequält. Innerlich malt er sich aus, wie es wäre, wenn plötzlich ein fehlerhafter Kaffeevollautomat das Büro in die Luft jagt. Natürlich rein hypothetisch.
Und ich? Ich höre zu, nippe an meinem Kaffee und bin dankbar, dass mein grösstes Tagesziel mittlerweile darin besteht, meine Zeitung zu Ende zu lesen, bevor der Wind sie vom Gartentisch weht.
Und zum Schluss sage ich zu Max, in bester väterlicher Gelassenheit:
«Halt durch, mein Freund. Ich gehe jetzt ins Bad Bubendorf. Ganz ohne Termin. Einfach so. Weil ich’s kann.»




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