Manchmal frage ich mich, warum «Prokrastination» (Aufschieberitis) eigentlich kein olympischer Sport ist. Denn wenn es das wäre, stünde ich auf dem Siegerpodest, umgeben von nicht abgegebenen Steuererklärungen und halb angefangenen To-Do-Listen.
Es ist wirklich eine Kunstform. Man nimmt sich etwas vor, schaut es intensiv an – und entscheidet dann, dass es später viel besser aussieht.
Nehmen wir mal die Steuererklärung, dieses alljährliche Puzzle aus Papierkram und Panikschweiss. Sie liegt seit Wochen (okay, Monaten) auf meinem Schreibtisch wie ein hungriger Tiger, den ich ständig mit belanglosen Dingen ablenke. «Heute mach ich’s wirklich!» sage ich, während ich stattdessen in einem plötzlichen Anfall von Lebensoptimierung alle Kugelschreiber in meinem Haushalt teste. Wer hätte gedacht, dass 80 % davon nur noch für aggressive Schmierereien gut sind? Aber jetzt weiss ich’s – und meine Steuererklärung liegt immer noch unberührt da.
Der wahre Meister-Move kommt aber, wenn die Deadline näher rückt. Dieser Moment, wenn dir klar wird, dass die Steuerverwaltung vielleicht nicht so cool mit «Ich hatte keine Zeit» ist wie deine Mutter früher mit der Entschuldigung für die Schule. Da spüre ich, wie mein Adrenalin hochfährt. Mein Gehirn schreit: «JETZT oder NIE!» und plötzlich mutiere ich zum Hochleistungs-Steuer-Ninja.
Da sitze ich also, umgeben von chaotisch gestapelten Quittungen, die aussehen, als hätten sie einen Tornado überlebt. Ich tippe meine persönlichen Daten ein. Check. Name, Adresse, Geburtsdatum – läuft wie geschmiert. Dann kommt die Frage: «Hatten Sie Einnahmen aus selbstständiger Arbeit?» Kurzer Blackout. Hab ich? War das überhaupt Arbeit? Ein Blick auf meine Bankauszüge, die aussehen wie der Plot eines schlechten Films: verwirrend und voller Überraschungen.
Panisch wühle ich mich durch die Quittungen, während mir einfällt, dass ich noch den Beleg für den Druckerpapier-Grosseinkauf in mein Buchhaltungsprogramm eingeben muss. Ohne den läuft hier gar nichts – schliesslich zählt jeder Rappen. Plötzlich sitze ich auf dem Boden, umgeben von einer chaotischen Mischung aus Kontoauszügen, Geschäftsbelegen und einer Quittung für Kaffee, die ich garantiert keinem Kunden in Rechnung stellen kann. Aber Moment mal, was mache ich hier eigentlich? Ach ja, die Steuererklärung.
Der Timer tickt, meine Stirn glänzt – und in einer epischen letzten Schlacht gegen die Zeit klicke ich auf «Absenden». Triumphierend starre ich auf den Bildschirm, als hätte ich gerade den Mount Everest bestiegen. Und jedes Mal denke ich dasselbe: «Warum nicht einfach früher anfangen?» Und weisst du was? Ich werde es nächstes Jahr früher machen. (Also vermutlich nicht, aber das ist mein Recht als Mensch.)
Die Wahrheit ist: Ich brauche den Druck. Ohne Deadline bin ich wie ein Laptop ohne Akku – nutzlos und irgendwie peinlich. Aber wenn die Uhr tickt, bin ich eine Maschine. Klar, manche nennen das chaotisch. Aber ich sage: Genie braucht eben manchmal Chaos. Und mein Haushalt hat jetzt immerhin nur noch funktionierende Kugelschreiber. Ein Fortschritt, oder?




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