Der Januar ist der Montag unter den Monaten. Kalt, grau, und voller leerer Versprechungen. Du wachst auf, noch halb verkatert von den Resten der Silvester-Böller-Lasagne, und sofort ruft er dir ins Gesicht: «Neues Jahr, neuer Stress!»
Dabei hättest du dich gerade erst so schön in die festliche Trägheit eingerollt wie in eine flauschige Decke. Aber nein, jetzt ist der Spass vorbei. Die Lichterketten sind aus, der Alltag ballert wieder rein, und überall reden die Leute von Selbstoptimierung und Fitness. Ich hingegen stehe in der Küche und frage mich, ob meine halbleere Packung Brunsli nicht auch als Frühstück durchgeht – immerhin steckt da doch bestimmt irgendwas Gesundes drin, oder?
Und mitten in diesem Strudel aus to-do-Listen, Rechnungen und dem kollektiven Versuch, «positiver zu denken», steht da immer noch – mein Weihnachtsbaum. Majestätisch wie ein alternder König in einem heruntergekommenen Palast: Mein persönlicher Januar-Buddy. Oder wie ich ihn nenne – Herr Nadelfall.
Eigentlich sollte er schon längst Geschichte sein. Aber dann kam der Januar mit seiner «Das mache ich morgen»-Aura und liess aus einem provisorischen Standgast einen WG-Mitbewohner werden, der mich heimlich sabotiert.
Die Nadeln rieseln inzwischen so konsequent, dass ich sie im Staubsaugerbeutel schon als neuen Rohstoff vermarkten könnte. Nadelfasern – der Biotrend 2025. Und dieser Geruch! Was an Weihnachten nach Waldromantik duftete, riecht jetzt wie ein feuchter Teppich in einer Berghütte. Dennoch bringt es mein innerer Konflikt-Vermeider nicht übers Herz, Herrn Nadelfall einfach rauszuwerfen.
Stattdessen habe ich begonnen, den Baum in meinen Alltag zu integrieren. Er ist jetzt so etwas wie mein spirituelles Totem. Steht da, mahnend und mitleidig, während ich mir den vierten Kaffee reinkippe und mich frage, ob ich jemals wieder produktiv werde. Letztens habe ich ihn sogar dekoriert – mit Post-its meiner Neujahrsvorsätze. Ein Mahnmal des Scheiterns, aber immerhin mit Stil.
Und ja, ich könnte ihn jetzt einfach nehmen, zack – auf die Strasse, fertig. Die Grünabfuhr kommt diesen Freitag, es wäre die perfekte Gelegenheit. Aber was dann?
Der leere Platz, der mich unweigerlich daran erinnert, dass ich dort eigentlich mal einen praktischen Ablageort für all meine Zeug-hinwerf-Aktionen schaffen wollte? Und vor allem: Was, wenn ich den Moment verpasse? Wenn ich am Freitagmorgen verschlafe und mein Baum da einsam am Strassenrand liegt wie ein trauriges Überbleibsel meiner gescheiterten Pläne? Nein, danke. Ich lasse ihn noch ein bisschen stehen. Vielleicht wird er bis März ein Osterbaum. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, mich von ihm zu trennen. Aber heute? Heute mache ich mir erst mal einen Kaffee und sehe zu, wie Herr Nadelfall den Teppich weiter dekoriert. Wir haben alle unsere Art, mit dem Januar klarzukommen.




0 Kommentare