Als Kind stand ich mit Blut- und Leberwürsten auf Kriegsfuss. Diese Dinger schwammen da in ihrem heissen Wasser, als würden sie versuchen, sich vor mir zu verstecken, und ich dachte nur: «Schön wär’s, wenn ihr wirklich abtauchen würdet.»
Mein Vater erklärte mir in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete: «Das sind Traditionen, Bub! Die isst man, weil es sich gehört!» Aber ich war unbeeindruckt. Tradition hin oder her – ich hatte meinen Stolz und eine klare Regel: Alles, was im Wasser gekocht wird und aussieht wie ein missglückter Gartenschlauch, ist nicht mein Ding.
Heute, etliche Jahre später, hat sich mein Verhältnis zu Blut- und Leberwürsten radikal gewandelt. Ich liebe sie – nein, ich verehre sie. Diese Würste sind keine Mahlzeit mehr, sie sind ein Fest. Sie kommen nicht nur auf den Tisch, sie kommen in mein Herz.
Natürlich kaufe ich sie bei einem Metzger, der mein Vertrauen geniesst. Leider nicht mehr der alte Metzger in Oberdorf, der damals so fachmännisch die Würste aus seiner Kiste zauberte, dass man dachte, er hätte sie selbst erfunden. Aber mein aktueller Metzger macht seine Sache hervorragend. Wenn ich meine Bestellung aufgebe, klingt das fast wie ein Gedicht: «Zwei Blutwürste, zwei Leberwürste, alles frisch und kräftig, bitte.»
Die Zubereitung ist bei mir fast ein ritueller Akt. Ich bringe einen grossen Topf Wasser zum Kochen, salze es leicht und lege die Würste vorsichtig hinein, als würde ich sie taufen. Wichtig: Das Wasser darf nicht sprudeln – die Würste sind sensible Wesen. Sie wollen nur ziehen, in wohliger Wärme baden, bis sie perfekt sind.
Und dann, dieser Moment: Ich nehme die Würste aus dem Wasser, lasse sie kurz abtropfen und schneide sie an. Der erste Bissen ist wie eine Reise in die Vergangenheit, ins Herz der Schweiz. Die Blutwurst – intensiv, würzig, mit dieser subtilen Süsse, die sie unvergleichlich macht. Und die Leberwurst? Zart, cremig, fast wie ein kulinarischer Seidenstoff.
Manchmal sitze ich da, mit meinem Teller voller Würste, und denke an mein jüngeres Ich. Dieses störrische Kind, das am Tisch sass und mit verzogenem Gesicht das Essensangebot verweigerte. Heute würde ich ihm sagen: «Eines Tages wirst du verstehen. Eines Tages wirst du sie lieben.»
Blut- und Leberwürste – sie sind nicht nur Essen, sie sind ein Stück Heimat. Und heute geniesse ich sie mit einer Inbrunst, die fast schon peinlich sein könnte. Aber weisst du was? Das ist mir egal. Denn wahre Liebe – selbst zu Würsten – kennt keine Scham.




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