Mein Kühlschrank ist kein Haushaltsgerät. Er ist ein lebendiges, autonomes Biotop, eine Mischung aus Arche Noah und Tschernobyl. Einmal im Monat öffne ich die Tür und habe das Gefühl, eine Dokumentation über vergessene Zivilisationen zu betreten. Überall Spuren einst blühenden Lebens: ein vertrocknetes Stück Käse, das aussieht wie eine Hieroglyphe der Maya, eine Paprika in einem Zustand der vollständigen Selbstauflösung – eine amorphe, orangefarbene Pfütze, die mich anzuflehen scheint, ihr Leiden zu beenden.
Ganz vorne, in der ersten Reihe, stehen die Privilegierten: Frisch eingekaufte Joghurts, Milchtüten, Eier. Stolz recken sie ihre Haltbarkeitsdaten in die Höhe, als wollten sie sagen: «Schaut her! Wir gehören noch zur Elite der Geniessbaren!» Doch ich weiss es besser. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch sie ihren Platz im hinteren Exil antreten müssen – in der Dunkelheit, wo sich die Verbannten versammeln.
Dort, ganz hinten, beginnt das Reich der Vergessenen. Eine triste Parallelgesellschaft aus alten Ketchupflaschen, angebrochenen Senftuben und einer Packung Frischkäse, die seit zwei Pandemiewellen ungeöffnet ihr Dasein fristet. Ich traue mich nicht, das Verfallsdatum zu überprüfen. Es wäre, als würde ich einen Sargdeckel lupfen.
Die Fleischschublade ist ein postapokalyptisches Krisengebiet. Einige der dort lagernden Objekte haben mittlerweile wahrscheinlich ihre eigene ökologische Nische gebildet – inklusive einer funktionierenden Sozialstruktur und möglicherweise ersten Ansätzen von Sprache. Eine einsame Scheibe Wurst rollt sich zusammen wie eine uralte Schriftrolle, bereit, mir von der Vergangenheit zu erzählen. Doch ich will nichts hören. Ich will vergessen.
Mein Freund Max hat eine Lösung:
«Stell’ eine Schale mit Kaffeepulver in den Kühlschrank, das absorbiert die Gerüche.»
Ach super, dann riecht der Kühlschrank nicht mehr nach Verfall, sondern wie eine hippe Barista-Leiche.
Eigentlich sollte ich einfach aufräumen. Einmal gründlich alles entsorgen. Aber dann müsste ich mich meiner Schuld stellen. Denn wer bin ich, dass ich über das Schicksal einer vergessenen Gurke urteile? Ich lasse es lieber, schliesse die Tür und tue so, als wäre nie etwas passiert.
Und während ich mich mit einem frischen Joghurt in Sicherheit wiege, weiss ich: Irgendwo da hinten, tief im Inneren, tickt eine Alufolien-Bombe. Und ihr Tag wird kommen.




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