Ich habe mich auf einer Dating-Seite für Senioren angemeldet. Sie heisst «VergissMeinNicht», was für mich ein wenig ironisch ist, da ich regelmässig vergesse, wo ich meine Brille hingelegt habe, und dann verzweifelt auf dem Kühlschrank nach ihr suche. (Letztes Mal lag sie im Brotkasten, eingewickelt in eine alte Quittung von 2007. Keine Ahnung, was das über mich aussagt.)
Die Anmeldung war schon ein Abenteuer. Ich musste mein Geburtsdatum angeben, aber das Formular stürzte jedes Mal ab, wenn ich das Jahr 1956 eintippte – offenbar hält die Webseite es für einen Tippfehler. Dann wollte sie ein Profilbild. Ich lud ein altes Passfoto hoch, auf dem ich jung und dynamisch aussah. Das System schickte mir eine Fehlermeldung: «Bitte laden Sie ein aktuelles Bild hoch. Keine Fotos aus den Achtzigern.» Unverschämtheit! Dann habe ich ein neues gemacht – im Halbdunkeln, mit vorteilhaftem Schattenwurf. Ich sehe darauf aus wie ein geheimnisvoller Gentleman oder ein Verdächtiger in einer True-Crime-Dokumentation.
Dann begann das eigentliche Abenteuer: die Kandidatinnen.
Da war zum Beispiel Erika, 72, die in ihrem Profil schrieb: «Ich liebe Spaziergänge, gute Gespräche und Männer, die wissen, was sie wollen.»
Ich schrieb ihr: «Ich will ein Bier, ein Nickerchen und meine Bandscheiben zurück.»
Sie blockierte mich innerhalb von 30 Sekunden.
Dann gab es Margot, 75, die in ihrer Beschreibung schrieb: «Mein Herz gehört dem Tango.»
Ich antwortete: «Mein Herz gehört der Kardiologie.»
Nie wieder etwas von ihr gehört.
Am faszinierendsten war Helga, 78, die schrieb, sie habe noch „viel Feuer in sich“. Ich fragte vorsichtig nach, ob sie das metaphorisch oder wörtlich meint, denn ich wollte nicht schon wieder eine Bekanntschaft mit dem Notarztwagen machen. Sie lachte und schrieb, sie sei noch voller Leidenschaft. Ich überlegte kurz, ob das ein Euphemismus für Bluthochdruck ist, entschied mich dann aber, sie zum Kaffee einzuladen.
Wir trafen uns in einem Café, das so hip war, dass ich vermutete, wir seien die einzigen Gäste mit lückenloser AHV-Beitragsgeschichte. Helga war tatsächlich charmant. Wir redeten über das Leben, die Liebe und die besten Methoden, um im Supermarkt unbemerkt einen Probierhappen Käse zu ergattern. Doch dann passierte das Unvermeidliche:
Ich nippte an meinem Kaffee und fragte: «Was hältst du von einem zweiten Treffen?»
Sie lächelte geheimnisvoll und sagte: «Ich werde darüber nachdenken.» Dann griff sie nach ihrer Handtasche und zog – ich schwöre, das ist wahr – eine Tupperdose mit einem halben Marmorkuchen heraus.
Ich war fasziniert. Nicht nur wegen des Kuchens, sondern weil ich plötzlich ahnte, dass ich meine Traumfrau gefunden haben könnte.
Wir verabschiedeten uns herzlich. Ich hoffe, sie meldet sich wieder. Falls nicht, werde ich ihr auf der Dating-Seite eine letzte Nachricht schreiben:
«Bitte komm zurück. Ich brauche das Rezept für diesen Kuchen.»




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