Ich bin jetzt links – und mein Leben ist bio-zertifiziert

 

Ich hab’s geschafft! Ich bin jetzt links. Und ich muss sagen: Es ist der absolute Wahnsinn. Mein Leben ist jetzt so moralisch rein, dass man mich eigentlich in Bio-Zellophan einpacken und im Reformhaus verkaufen müsste.

Früher war ich dumm und rechts. Ich dachte, es sei sinnvoll, Grenzen zu kontrollieren, Steuern niedrig zu halten und mein Steak mit echtem Besteck zu essen. Aber seit ich links bin, weiss ich: Grenzen sind nur imaginäre Linien, Geld ist ein soziales Konstrukt und ich muss mich beim Rind entschuldigen, bevor ich es esse – wenn ich es überhaupt noch essen darf.

Die Vorteile sind grenzenlos. Zum Beispiel kann ich endlich Ferien in der Türkei machen, ohne dass mich das schlechte Gewissen plagt. Während mein alter, rechter Freund Max in Graubünden im Chalet sitzt und sich darüber aufregt, dass die Serviertochter Hochdeutsch spricht, liege ich für 250 Franken pro Woche in Antalya am Strand und schaue den syrischen Waisenkindern zu, wie sie fair gehandeltes Eis verkaufen. Es ist einfach schön, wenn man die Welt mit offenen Augen sieht.

Meine Frau – früher meine rechte Ehefrau – sagte oft zu mir: «Wenn du nur für zwei Wochen links sein könntest! Dann könnten wir mit gutem Gewissen Billigflüge buchen und müssten uns nicht mit Ferien im Dielenberg abfinden.» Ich lachte sie damals aus. Doch heute weiss ich: Sie hatte recht. Als Linker kann ich überall hinreisen – CO₂-frei natürlich. Ich zahle einfach mein schlechtes Gewissen an eine Klimakompensationsfirma, die in Bangladesh einen Baum pflanzt, und zack – mein ökologischer Fussabdruck ist so unsichtbar wie ein Bankkonto in Liechtenstein.

Natürlich musste ich meinen Lebensstil anpassen. Ich habe meinen SUV gegen ein Elektrofahrrad getauscht, das einen Akku aus fragwürdigen Minen in Bolivien hat. Ich habe meine Rolex gegen eine vegane Holz-Uhr ersetzt. Und ich habe meine Frau gegen eine polyamoröse Buchhändlerin mit Dreadlocks eingetauscht, die mir vor jeder Mahlzeit einen Vortrag über intersektionale Ernährung hält. Sie nennt mich «Lebensmensch» und verlangt, dass wir unsere Kinder genderneutral aufziehen – falls ich überhaupt noch an Fortpflanzung glauben darf.

Mein Kumpel Max, alter SVP-Wähler, versteht das alles nicht. Er sagt: «Aber was, wenn dein Idealismus irgendwann mit der Realität kollidiert?» Und ich sage: «Dann passt sich die Realität halt an!» Dann setzt er sich in seinen alten Diesel, während ich in mein Sharing-Auto steige, das ich mit 23 anderen Linken teile – und das nie verfügbar ist, wenn man es braucht.

Es ist einfach wunderschön, links zu sein. Ich kann mich endlich moralisch überlegen fühlen, ohne wirklich etwas zu verändern. Ich bin für grenzenlose Offenheit – solange es nicht um eine neue Flüchtlingsunterkunft in meiner Nachbarschaft geht. Ich bin für Toleranz – solange alle meiner Meinung sind. Und ich bin für Enteignung – solange es die Villen der anderen betrifft.

Ich muss los. Meine Buchhändlerin wartet auf mich. Wir fliegen nach Bali – klimaneutral, weil wir im Flugzeug demonstrativ kein Fleisch essen. Man hat ja schliesslich Prinzipien.

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